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Das "Augsburger Modell" - ein Konzept zur tierschutzgerechten und nachhaltigen Regulierung der Stadttaubenpopulation

Einführung des Konzepts und gegenwärtiger Stand

Seit 1995 arbeitet unsere Augsburger Initiative gegen Tierversuche und Ausbeutung der Tiere (IGT) eng mit dem für Stadttauben zuständigen Referat 1 (Finanzreferat) zusammen. 1995 wurde auf unser Bestreben hin der Abschuß von Tauben aus Gründen des Tierschutzes und des Mangels an Wirksamkeit eingestellt. Seit 2004 stimmt das Staatliche Veterinäramt Augsburg befristeten Abschußgenehmigungen, auch in Produktions- und Lagerhallen von Großunternehmen, wie Siemens, MAN und Osram, nicht mehr zu und drängt auf Alternativlösungen. 1996 wurden die städtischen Tauben von einem Münchner Biologenteam gezählt. Statt der bis dahin geschätzten Anzahl von 20 000 Tauben wurden für das gesamte Stadtgebiet lediglich 2000 Tiere ermittelt. Nach intensiver Aufklärungsarbeit (1995/96) mit Infoständen, Vorträgen, einer Podiumsdiskussion und Medienberichterstattung wurde 1997 der erste Taubenschlag errichtet. Inzwischen gibt es in Augsburg sieben Taubenschläge, fünf davon in denkmalgeschützten städtischen Gebäuden.

Der achte Schlag wird demnächst im Oberhauser Bahnhof in Augsburg (Regionalbahnhof) gebaut. Erfreulich ist hier die bundesweit erstmals positive Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn.

Laut Stadtratsbeschluß soll das Konzept in den nächsten Jahren mit 15 Tauben-schlägen flächendeckend für das gesamte Stadtgebiet realisiert werden.

Zusammenarbeit von Verwaltung und Tierschutz

In einem Fünfjahresvertrag ist die Aufgabenverteilung von Stadtverwaltung und Tierschutz geregelt. Demnach übernimmt die Stadt die Kosten für den Bau und die Ausstattung der Taubenschläge und bezahlt jedem Betreuer pro Schlag und Monat 100 EUR Aufwandsentschädigung. Die IG kümmert sich um den Bau der Schläge und ihre Betreuung und kommt für das Futter in den Schlägen und an den kontrollierten Futterplätzen auf.

Wichtig für das gute Gelingen des Konzepts ist die fruchtbare Zusammenarbeit mit verschiedenen Behörden (Hochbauamt, Untere Denkmalschutzbehörde, Staatliches Veterinäramt, Gesundheitsamt), der City Initiative Augsburg, der Städtischen Wohnungsbaugesellschaft, dem örtlichen Tierschutzverein, den örtlichen Medien und mehreren Firmen für Taubenabwehr.

Die Versorgung der Tauben mit Futter

Die Stadt Augsburg hat mit folgenden Begründungen kein Fütterungsverbot für Stadttauben erlassen: (1) Das Verbot kann nicht kontrolliert werden (2) Viele Fütterer lassen sich durch das Verbot nicht abhalten, füttern nachts oder am frühen Morgen und schaffen zusätzlich ein Rattenproblem. Etwas mehr als die Hälfte der Augsburger Stadttauben wird zur Zeit in den Schlägen mit artgerechtem Körnerfutter versorgt. Wo sich viele Tauben aufhalten und Schläge (noch) nicht bestehen, sind kontrollierte Futterplätze eingerichtet, zwei in der Innenstadt, weitere in den Vorstädten. Die Fütterer besitzen Mitarbeiterkarten (Ausweise), die sie bei Bedarf vorzeigen.

Die Stadttauben sind als verwilderte Haustauben völlig vom Menschen abhängig. Artgerechtes Futter ist im Stadtgebiet nur in geringem Umfang (Samen von Wildkräutern) vorhanden. Deshalb entwickelt sich die Stadttaube immer mehr zum Allesfresser. Das nicht artgerechte Futter aber schwächt die Tauben und macht sie anfällig für Krankheiten und Parasitenbefall. Im Winter fehlen auch diese Abfälle, so daß bei ausbleibender Fütterung durch Tierfreunde Tauben hungern und teilweise verhungern würden.

Der immer wieder, insbesondere von Vertretern des Natur- und Artenschutzes, behauptete Zusammenhang zwischen Futterangebot und Brutaktivität ist auf der Grundlage wissenschaftlicher Untersuchungen nicht aufrecht zu erhalten. Die Felsentaube, Stammform aller Haustaubenrassen, ist vom Menschen durch Domestikation und Zuchtwahl so verändert worden, daß sie ganzjährig brütet, unabhängig vom Futterangebot, hungernde Tauben also genauso wie satte. Kontrollierte Fütterung allein kann aber das Stadttaubenproblem nicht lösen. Deshalb sollten kontrollierte Fütterung und die Einrichtung von Taubenschlägen mit Gelegekontrolle zur Verhinderung von Nachwuchs immer Hand in Hand gehen. Wo Taubenschläge gebaut sind, muß die Außenfütterung entfallen.

Noch einige Anmerkungen zum Fütterungsverbot für Stadttauben: (Siehe dazu Evelyn Ofensberger, Rechtsabteilung des Deutschen Tierschutzbundes, in ihrem Aufsatz "Ist die Tötung von Tauben noch verfassungsgemäß?") Wie sich in zahlreichen, uns bekannten Städten gezeigt hat, können isolierte Fütterungsverbote das Stadttaubenproblem aus den allseits bekannten Gründen nicht minimieren und schon gar nicht lösen. Ließe sich aber ein absolutes Fütterungsverbot realisieren, würde diese Maßnahme Leiden und Tod der Tiere bewirken, da die Tauben aufgrund ihres geringen Flugradius auf Futterentzug nicht mit Wegflug, sondern mit Verhungern reagieren würden. Die Einstellung der Taubenfütterung durch die Kommunen ist immer noch an den Beschluß des Bundesverfassungsgerichts vom 23.05.1980 gebunden, wonach "das Taubenfüttern als Ausformung der Handlungsfreiheit nicht zum absolut geschützten Kern privater Lebensgestaltung zu zählen ist". (Ofensberger)

Da die Stadt Augsburg kein Fütterungsverbot erlassen hat, können nahezu alle Tauben mit artgerechtem Futter versorgt werden, sind die Medienberichte durchwegs taubenfreundlich, und entfallen deshalb Übergriffe auf Tauben und Taubenfütterer und das in Städten mit Fütterungsverbot üble Denunziantentum.

Die Standorte der Taubenschläge

Die derzeit in Augsburg bestehenden Taubenschläge haben folgende Standorte:

  1. Oberstes ungenutztes Parkdeck eines Parkhauses am Alten Postweg - Eigentümer: Städtische Wohnbaugesellschaft
  2. Dachboden eines Wohn- und Geschäftshauses in der Dinglerstraße
  3. Ehemaliger Wehrturm am Vogeltor - Mieter: Kloster St. Ursula
  4. Dachboden des Verwaltungsgebäudes Stadtmetzg
  5. Rotes Tor - südlicher Vorbau
  6. Dachboden des Bürgerbüros Haunstetten
  7. Dachboden des Verwaltungsgebäudes 1

Die Betreuung der Taubenschläge

Alle derzeit bestehenden Taubenschläge werden von zuverlässigen ehrenamtlichen Mitarbeitern gewissenhaft betreut. Die Betreuer suchen die Schläge zweimal wöchentlich auf, ersetzen die frisch gelegten Eier durch Attrappen, füllen Futter, Grit und in einigen Schlägen auch Wasser auf und reinigen Futtertröge und Nistzellen. Alle sechs bis acht Wochen säubern sie die Schläge gründlich und desinfizieren sie. Natürliche Einstreu bindet Feuchtigkeit und Gerüche und erleichtert die Reinigungsarbeit.

Lokale Probleme mit Stadttauben

Die Beratung bei lokalen Problemen mit Stadttauben ist wesentlicher Bestandteil des Konzepts. Die Probleme sehen wir ausschließlich in der Verkotung und nicht in der Gesundheitsgefährdung der Menschen durch Taubenkot oder in der Zerstörung von Bausubstanz, wie verschiedenen, uns vorliegenden Gutachten zu entnehmen ist. Lokale Probleme durch Verkotung entstehen an Fassaden, in Dachrinnen, auf Balkonen, in Innenhöfen sowie in Fertigungs- und Lagerhallen der Großbetriebe wie Siemens, MAN, Osram u.a. Wir waren bisher jährlich mit 30 bis 40 Problemen befaßt und boten - in der Regel vor Ort - Lösungvorschläge an, die in Zusammenarbeit mit Firmen für Taubenabwehr in vielen Fällen realisiert werden konnten. Aus diesem Grunde werden die uns gemeldeten Fälle zunehmend weniger.

Die Kosten

Hier ist zu unterscheiden zwischen einmaligen Kosten (Bau und Ausstattung der Taubenschläge) und laufenden Kosten (Aufwandsentschädigung für Betreuung, Futterkosten).

-Einmalige Kosten: Die Material- und Ausstattungskosten (Nistzellen, Futtertröge usw.) eines in einen Dachboden integrierten Taubenschlags mit einer Bodenfläche von rund 25 qm belaufen sich auf etwa 1000 bis 1500 EUR. Die Herstellungskosten sind abhängig davon, ob die Schläge von ehrenamtlich Tätigen oder von Fachleuten gebaut werden. In Augsburg haben wir, d.h. ich zusammen mit einem handwerklich versierten Frührentner, 6 Schläge selbst gebaut. Der Mitarbeiter erhielt eine Aufwands- Entschädigung von zuletzt 11,00 EUR pro Sunde. Die Arbeitszeit betrug, abhängig von der Größe und der Örtlichkeit, zwischen 50 und 90 Stunden. Für die sechs Taubenschläge lagen die durchschnittlichen Gesamtkosten bei 2085 EUR. Der letzte Schlag wurde von einer Schreinerei hergestellt. Dazu kam der Einbau einer Dachgaube durch eine Dachdeckerfirma. Gesamtkosten rund 8500 EUR. Die Kosten wurden jeweils von der Stadt übernommen.

-Laufende Kosten: Hier handelt es sich um Aufwandsentschädigungen für Betreuer von Tauben- Schlägen und die Kosten für Taubenfutter, Grit, Schutzkleidung, Desinfektionsmittel und gelegentliche Tierarzthonorare. Wie schon erwähnt, bezahlt die Stadt Augsburg dem Betreuer eines Taubenschlags monatlich 100,00 EUR Aufwandsentschädigung. Die meisten Betreuer verwenden das Geld zum Kauf von Taubenfutter, für das die Stadt keine Mittel zur Verfügung stellt.

Zu den Futterkosten: Eine Taube braucht pro Tag etwa 50 g Körnerfutter. In einem von 150 Tauben besiedelten Schlag sind das in einem Monat rund 200 kg. Ein 25-kg-Sack kostet Zwischen 9,00 und 11.00 EUR. Monatliche Futterkosten pro Schlag: 70-90 EUR. Man kann das Taubenfutter mit Futterweizen und Mais strecken, die zum halben Preis zu haben sind, und so die monatlichen Futterkosten auf etwa 50 EUR senken.

Der Erfolg des Konzepts

Ziel des Konzepts ist ein stadtverträglicher (=verkleinerter) gesunder Taubenbestand. Ob es bereits jetzt gelungen ist, die Taubenpopulation in Augsburg zu verringern, kann nicht nach dem Augenschein beurteilt werden, sondern ließe sich nur mit laufenden Zählungen nachweisen. Diese sind aber zu aufwendig und zu teuer. Den Erfolg des Konzepts in Augsburg weisen wir folgendermaßen nach:

  • Nachwuchs wird durch Austausch der Eier in großem Umfang verhindert. 2001: 2545 - 2002: 11 804 - 2003: 13 175 - 2004: 8107. Anmerkung: Der Hauptanteil der ausgetauschten Eier kommt in den Jahren 2002 und 2003 aus der ehemaligen Bräusölde in Haunstetten (Tattenbachstraße), wo etwa 400 Tauben wild lebten. Das Gebäude wurde im Mai 2004 abgebrochen. Nicht alle dort beherbergten Tauben nahmen den Schlag im nahen Bürgerbüro an.
  • Die Tauben halten sich nicht nur die ganze Nacht, sondern auch den Großteil des Tages im Schlag auf. So verbleiben etwa 80 bis 90% des von den Tauben abgesetzten Kots in den Schlägen. Die im Umkreis der Schläge liegenden Gebäude werden kaum noch belastet. Mehrere Tonnen Kot können somit jährlich auf die Deponie gebracht werden.
  • Die Tauben sind - das ist augenfällig - durch artgerechtes Futter und ein weitgehend streßfreies Leben (keine Futter- und Brutplatzsuche) gesund. Sie sind nachweislich weit weniger als unter den üblichen Großstadtbedingungen mit Krankheitserregern und Parasiten belastet.
  • Die lokalen Probleme mit Stadttauben nehmen ab.

Das Augsburger Modell ist inzwischen bundesweit bekannt. Laufend gibt es Anfragen aus anderen Städten, und mehrmals im Jahr kommen Abordnungen von Verwaltungsbeamten und Tierschützern nach Augsburg, um Taubenschläge zu besichtigen und Gespräche im zuständigen Referat 1 zu führen. Interessenten kamen in den vergangenen Jahren aus Aalen, Nürnberg, München, Ingolstadt, Kassel, Wiesbaden, Bad Kissingen und Wien.

(Stand: März 2005)

Mit freundlicher Genehmigung von

Rudolf Reichert, Pflugstraße 30, 86179 Augsburg Telefon + Fax: 0821-86994 INITIATIVE GEGEN TIERVERSUCHE UND AUSBEUTUNG DER TIERE AUGSBURG (IGT)

BUNDESARBEITSGRUPPE (BAG) STADTTAUBEN

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