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Sind Stadttauben wirklich Problemvögel?

Es gibt sie in allen größeren Städten. Sie sitzen tagsüber auf den Dächern hoher Gebäude, auf Simsen und Fenstergiebeln alter Häuser und Türme. Wo sie Futter finden, bilden sie große Schwärme, fliegen rauschend über die Köpfe der Passanten hinweg, trippeln zwischen ihren Füßen und picken unermüdlich kleine Krümel auf, die an Freiluftcafes und Imbißständen abfallen. Sie nisten in Mauernischen, in aufgelassenen Dachböden, in Türmen, unter Brücken, in Hallen, auf Balkonen und hinterlassen dort, aber auch auf Plätzen und Gehsteigen ihren Kot. Deshalb ärgern sich viele Menschen über die Stadttauben, und Taubenfreunde, die den Tauben zuschauen und sie füttern, sind ihnen ein Dorn im Auge.

Warum leben die Tauben in den Städten?

Alle Haustaubenrassen stammen von der Felsentaube ab. Schon vor Jahrtausenden domestizierte sie der Mensch, nutzte sie als Fleisch- und Düngerlieferant und veränderte sie durch Zucht genetisch so, daß sie ganzjährig brütet - weitgehend unabhängig vom Futterangebot.

Stadttauben sind verwilderte Haustauben.

Zu Begründern der Stadttaubenpopulation gehören wohl die unterschiedlichsten Haustauben. Sie nutzten dank ihrer Anpassungsfähigkeit die Überlebensmöglichkeiten, die unsere Städte bieten. In den Häuserschluchten mit hohen Gebäuden finden sie Brutplätze, die ihren ursprünglichen Nistplätzen entsprechen. Auch Futter bietet die Stadt. Die Nahrungsgrundlage bilden neben dem von Taubenfreunden ausgestreuten Körnern die Abfälle der Wohlstandsgesellschaft - die Stadttaube entwickelt sich zum Allesfresser.

Durch die hohe Brutaktivität der Stadttaube und die Vergrößerung der Population durch laufende Zuflüge von Rasse- und Brieftauben bei abnehmender Zahl geeigneter Brutplätze (Vergrämungsmaßnahmen) kommt es zu Dauerstreß und Übervölkerungsbedingungen, unter denen die Tiere leiden.

Macht Taubenkot krank?

Es ist unbestritten, daß Stadttauben Träger von Bakterien, Viren, Pilzen und Parasiten sein und unter bestimmten Bedingungen zu Überträgern werden können.

Horrormeldungen über die Gefährlichkeit des Taubenkots für die menschliche Gesundheit, mit denen Sensationspresse und vereinzelt sog. Fachleute die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzen, entbehren sich jeder sachlichen Grundlage.

Nach Aussage des Bundesgesundheitsamtes (1989), bestätigt vom Ministerium für Gesundheit (1995) tragen lediglich Taubenhalter und Personen mit engem Taubenkontakt ein erhöhtes Infektrisiko. Insgesamt aber sei die gesundheitliche Gefährdung durch Tauben nicht größer als durch Zier- und Wildvögel sowie Nutz- und Liebhabertiere.

Zudem sind die Übertragungsmöglichkeiten bei den in freier Natur lebenden Tauben sehr gering. Auch sind nicht alle bei den Tauben vorkommenden Erreger für den Menschen pathogen (krankheitserregend). So ist die Ansteckungsgefahr eher unwahrscheinlich.

Die einschlägige wissenschaftliche Literatur nennt keinen Krankheits- oder gar Todesfall, der ursächlich auf die Ansteckung durch Tauben zurückzuführen gewesen wäre. Und auch die Gesundheitsämter melden Fehlanzeige.

Zerstört Taubenkot Gebäude?

Zu diesem Spezialthema gibt es keine umfassende wissenschaftliche Untersuchung. Somit sind alle Aussagen über gravierende Beschädigungen historischer Gebäude durch Taubenkot reine Spekulationen, weil offen bleibt, in welchem Umfang Umwelteinflüsse (Saurer Regen, Abgase) an den Schäden ursächlich beteiligt sind.

Zur Entlastung der Tauben läßt sich folgendes anführen:

  • Der vom Bundesministerium für Forschung und Technologie herausgegebene Bericht "Forschung für den Denkmalschutz, Dritter Bericht über Schäden an Gebäuden" erwähnt den Taubenkot überhaupt nicht.
  • Das Bayerische Amt für Denkmalpflege stellt zum Taubenkot fest, "daß der PH-Wert der Ausscheidungen im neutralen bis schwach sauren Bereich liegt. Der Taubenmist enthält demnach keine starken Säuren oder Laugen. Es ist deshalb auch verfehlt, von einem Säureangriff auf Materialien zu sprechen."

Allerdings soll nicht geleugnet werden, daß Taubenkot für eine auf Reinlichkeit bedachte Gesellschaft ein ästhetisches und hygienisches Problem darstellt.

1987 urteilte die Staatsanwaltschaft Offenburg: "Mit den unangenehmen Folgen des Taubenkots muß eine Gesellschaft, die ihrerseits Natur, Umwelt und Gesundheit in unvergleichlich höherem Maße gefährdet und zerstört, leben können."

Wie versuchen die Kommunen das "Taubenproblem" zu lösen?

  • Sie dezimieren die Tauben durch Tötungsmaßnahmen. Das aber widerspricht dem Tierschutzgesetz. Außerdem ist das Töten wirkungslos, weil sich der Bestand nachweislich rasch wieder auffüllt oder sogar noch vergrößert.
  • Sie erlassen Fütterungsverbote in der Annahme, die Brutaktivität der Tauben nehme bei einem geringen Futterangebot ab. Das aber trifft so nicht zu. Gegen ein Fütterungsverbot spricht außerdem folgendes: Für die Tauben gibt es in der Natur kaum ein Futterangebot. Werden sie nicht gefüttert, hungern, ja verhungern sie. Es grenzt die Taubenfreunde aus und bringt sie dazu, in Sorge um die Tiere Ordnungswidrigkeiten zu begehen. Es zwingt die Tauben, von Nahrungsabfällen zu leben. Dadurch werden sie geschwächt und krank. Außerdem konzentriert sich die Population in der Innenstadt, wo sie Essensreste findet. Das aber gerade soll das Fütterungsverbot verhindern.
  • Sie halten Tauben mit Spikes, Zacken, Spanndrähten und Netzen vom Absitzen und Nisten ab. Derartige Abwehrmaßnahmen können in vielen Fällen nötig und nützlich sein, führen aber immer nur zu einer Verlagerung des Problems. Bei nicht fachgerechter Montage oder fehlender Wartung kann es zu Verletzungen oder sogar zum Tod von Tauben kommen.

Läßt sich die Taubenpopulation wirksam und tiergerecht regulieren?

Das Ziel, einen stadtverträglichen, gesunden Taubenbestand zu erhalten, ist langfristig nur durch folgende Maßnahmen zu erreichen:

  1. Einrichten von betreuten Taubenschlägen. Hier kann man den Tauben streßfreies Brüten ermöglichen, die Eier zum Zwecke der Geburtenkontrolle durch Gipsattrappen ersetzen und den Bestand krankheits- und ungezieferfrei halten. Außerdem bleibt der Großteil des Kots im Schlag.
  2. Kontrolliertes Füttern mit artgerechtem Körnerfutter in der Nähe der Taubenschläge und in den Schlägen selbst. Taubenfreunde können hier sinnvoll in die Arbeit eingebunden werden.

Dieses Konzept wird den Tauben gerecht (Nistplätze, Futter), läßt die Taubenliebhaber verantwortungsbewußt aktiv sein und kommt Mitbürgern entgegen, die Probleme mit Tauben haben.

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