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Tauben - Gottes vergessene Kinder

Sie liegt auf dem Bauch, die Flügel stützend halb ausgebreitet, und pickt an einem Rest Brötchen, pickt und pickt. Nichts um sich herum scheint sie wahrzunehmen, so groß muß der Hunger sein, läßt alle Furcht vergessen. Wie erstarrt bleibe ich stehen. Nein, denke ich, nein. Mühsam weicht sie zur Seite aus, wenn die Füße der Passanten sie beinahe streifen. Rutschend, auf dem Bauch; sie kann nicht gehen. Viele Menschen schauen erstaunt, auf ihren Gesichtern spiegeln sich widersprüchliche Gefühle: Man ist unangenehm berührt, abgestoßen, geht rasch weiter. Die Taube robbt dem Brötchenstück hinterher, das jemand versehentlich angestoßen hat. Fast tritt ein Mann auf sie. Er weicht zurück, schlägt einen Bogen. "Die ist krank, die stirbt", höre ich. Sehe förmlich die Schreckgespenster, die sofort von all jenen Besitz ergreifen, deren Kenntnisse über Tauben den gnadenlosen Hetzkampagnen vieler Menschen entspringen.

Länger mag ich nicht warten, nur eine Frage der Zeit, bis irgendjemand dieser geBILDeten Leute das hilflose Tier niedertritt oder erschlägt, bis der nächste Hund es packt. Ich kniee neben der Taube nieder, selbst jetzt denkt sie nicht an Flucht, versucht, nach dem Brötchen zu picken. Es ist ein Laugenbrötchen. Ich zerpflücke das Stückchen, brösele Krumen, nun ist die Taube nah genug. Den schnellen Griff nach ihnen, den Verhungernden, Verletzten, habe ich schon genug getan, er gelingt jedesmal sicherer. Oft habe ich ihnen helfen können. Hier genügt ein Blick, um zu bestätigen, was ich befürchtet habe: Der linke Fuß fehlt, am Stumpf nekrotisierende Druckstellen. Das rechte Bein ist lahm, knickt ab, nach Verlust des anderen überansprucht. Schwanz und Rückengefieder sind ausgerissen, wachsen bereits nach; das für sich wäre nicht schlimm.

Länger mag ich nicht warten, nur eine Frage der Zeit, bis irgendjemand dieser geBILDeten Leute das hilflose Tier niedertritt oder erschlägt, bis der nächste Hund es packt. Ich kniee neben der Taube nieder, selbst jetzt denkt sie nicht an Flucht, versucht, nach dem Brötchen zu picken. Es ist ein Laugenbrötchen. Ich zerpflücke das Stückchen, brösele Krumen, nun ist die Taube nah genug. Den schnellen Griff nach ihnen, den Verhungernden, Verletzten, habe ich schon genug getan, er gelingt jedesmal sicherer. Oft habe ich ihnen helfen können. Hier genügt ein Blick, um zu bestätigen, was ich befürchtet habe: Der linke Fuß fehlt, am Stumpf nekrotisierende Druckstellen. Das rechte Bein ist lahm, knickt ab, nach Verlust des anderen überansprucht. Schwanz und Rückengefieder sind ausgerissen, wachsen bereits nach; das für sich wäre nicht schlimm.

Die Taube hat goldorangene Augen, ganz weit sind ihre schwarzen Pupillen. Sie weiß nicht, daß sie nun ihrem Henker begegnet ist. Langsam stehe ich auf, die Taube in den Händen. Begegne verhalten angeekelten, zugleich neugierigen Blicken: zwei Frauen und ein Kind. Meine Gedanken sind ganz woanders, sind voller Zorn und Kummer bei der eigenen Ohnmacht, doch irgendwie habe ich das Gefühl, eine Erklärung schuldig zu sein. "Ich bin Tiermedizinstudentin", sage ich. "Dieses Tier kann nicht mehr gehen." "Was werden Sie mit ihm tun?", erkundigt sich die eine Frau, beäugt pikiert die Taube. "Ich werde sie einschläfern." Mit einemmal sehen alle drei schockiert aus. Warum? Und warum jetzt? "Kann sie denn so nicht leben?" – "Haben Sie nicht gesehen wie sie lebt?", erwidere ich, senke den Blick zu der Taube nieder. Dann will ich ironisch hinzufügen: "Möchten Sie sich um das Tier kümmern?" -, doch vor mir steht niemand mehr. Sie sind weitergegangen.

Im Kaufhaus erstehe ich für wenig Geld einen schönen, großen, rechteckigen Wäschekorb. Zurück im Auto polstere ich den Boden weich aus, streue Taubenfutter hinein, das ich immer bei mir habe, vor allem zur kalten Jahreszeit. Setze die Taube hinein. Kaum habe ich den Deckel geschlossen, höre ich sie schon picken, hastig, überstürzt. Höre sie hin und her rutschen, höre das Klatschen der Flügel, wenn sie sich mühevoll abzustützen versucht.

Die Fahrt ist lang genug für vielerlei Gedanken. Es ist eine alte Taube, das habe ich an den hornigen Auflagerungen auf ihrem Schnabel gesehen. Eine Stadttaube, die es schafft, alt zu werden, muß schon besonders stark, zäh und mutig gewesen sein. Wann und wie mag sie ihren Fuß verloren haben? War es eine der vielen achtlos verworfenen Schnüre, die sich darumgewickelt und letztlich, nach vielen Qualen, zum Absterben der Gliedmaße geführt hat? War es eine Fraktur, eine Verletzung, hervorgerufen durch irgendein infernalisches "Taubenabwehrsystem" – Dornen, Spieße, Drähte, Netze? Dennoch hat sie weitergelebt, hinkend, den rohen Stumpf mühsam belastend, trotz aller Schmerzen, bei jedem Schritt, jeder Bewegung. Der Hunger muß immer größer gewesen sein. Irgendwann verhornte die Wunde, mußte als Krücke dienen, und der verbliebene Fuß trug doppelte Last. Tapfere Taube. Vielleicht hat sie Junge, die nun irgendwo vergebens auf sie warten? Ein furchtbarer Gedanke. Dann wären sie so oder so verloren.

An der nächsten roten Ampel lüpfe ich vorsichtig den Deckel. Sie liegt in der Ecke, ganz ruhig. Schon ist ein Flügel kotverschmiert. Kurz stelle ich mir vor, wie sie leben würde, selbst wenn sich wie durch ein Wunder eine Taubenvoliere fände, in der Platz für sie wäre. Es kann nicht Ende und Sinn eines langen Lebens sein, Tag für Tag auf dem Weg zum Futternapf im eigenen Kot herumzurutschen, bis Fußstumpf und verbliebenes Bein so entzündet sind, daß die Euthanasie nicht länger hinauszuschieben ist. Nein, Leben ist nicht immer das Beste. Aber es ist schwer, so schwer, darüber zu entscheiden, wann der Zeitpunkt gekommen ist. Jedesmal wieder, wenn ein guter Tod das einzige ist, das ich einem Tier, dem ich helfen möchte, noch geben kann. Das Tier ist hilflos, es kann nicht entrinnen. Ich kann es nicht fragen. Sehe ich es an, fühle ich mich als sein Henker, als Schuldige. Und doch muß ich ihm den Tod bringen, um ihm einen anderen, schlimmeren, zu ersparen. Ich frage mich, was für eine Leben diese Taube wohl geführt hat. Mit Sicherheit hatte sie einen Partner. Vielleicht immer noch? Irgendwie glaube ich, daß sie zuletzt allein war, schrecklich allein. Wie er wohl umgekommen ist? Niemand, der weiß, wie das Dasein einer Stadttaube aussieht, wird lange danach fragen. Niemals mehr trautes Turteln, inniges Aneinanderschmiegen, Schnäbeln, wie man es manchmal, auf der sicheren Höhe einer nicht verbarrikadierten Fensterbank, beobachten kann. Zärtlichkeit und Treue eines Taubenpaares sollten einmal neue Maßstäbe für menschliche Beziehungen setzen. Es wird Junge gegeben haben, vielleicht leben einige von ihnen noch, wenn diese Taube ihnen ihren Lebenswillen, ihr Durchhaltevermögen vererbt hat. Sie ist zwar mager, doch nicht so verhungert, wie man viele Stadttauben antrifft. Selbst mit ihrem Beinstumpf muß sie sich noch eine ganze Weile behauptet haben, bis dann allmählich das verbliebene Bein seinen Dienst versagte. Irgendwann hat sie ein Hund erwischt, vermute ich, das würde das fehlende Schwanz- und Rückengefieder erklären. Noch einmal ist sie davongekommen. Doch dann, sich nur noch auf dem Bauche bewegend, muß es von Tag zu Tag schlimmer geworden sein, begann der Teufelskreis von Hunger, Schwäche und Schmerz. Die Kälte kam hinzu, der Frost. Wie leicht konnte ich sie packen, sie flog nicht einmal auf. Jeder andere hätte sie genauso greifen können. Was daran schlimmer gewesen wäre, da ich sie doch töten werde? Sie hätte einem Tierquäler, einem der vielen Taubenhasser, einem Sadisten begegnen können. Doch wie soll ich es ihr erklären? Es ist gut, daß sie nicht darum weiß.

Es ist Samstag, vor Montag komme ich nicht in die Klinik, um sie einschläfern zu lassen. Sie verbringt den Sonntag bei mir, auf der Fensterbank im Warmen, in der Sonne. Draußen herrschen Minusgrade. Manchmal, wenn ich neben ihr aus dem Fenster schaue, mit ihr spreche, frage ich mich, wie es ihr jetzt erginge, wäre ich gestern nicht zufällig in der Fußgängerzone gewesen. Ob sie noch auf dem frostkalten Boden herumrutschen würde, auf der verzweifelten Suche nach irgendeinem Bröckchen. Ob schon jemand sie lahm oder tot getreten, ein Hund sie zerbissen hätte. Oder ob ein anderer Mensch sie mitgenommen hätte, sie vielleicht noch weiter leben ließe, wenn auch auf dem Bauche liegend. Sie, die durch den Himmel geflogen ist. Ich glaube nicht, daß sie sich nun ein solches Dasein wünschen würde, aber vielleicht ist das selbstherrlich, aus menschlicher Sicht gedacht. Ich weiß es nicht, doch ich muß über sie entscheiden. Das macht es so schwer.

Einen schönen letzten Tag schenkt ihr das Leben noch. Sonnig, blauer Himmel; mit leicht abgespreizten Flügeln liegt sie in ihrem Kasten und schaut hinaus, vor sich Futter und Wasser. Niemand jagt sie, niemand tut ihr etwas zuleide, sie ist satt und hat es warm. Daß ausgerechnet heute, nach so vielen kaltnassen, trüben und grauen Tagen, die Sonne strahlt, mutet sonderbar an. Mir ist, als scheine sie nur für die alte Taube. Vielleicht gibt es irgendwo dort oben doch jemanden, der sie nicht vergessen hat, der ihr entgelten wird, was die Menschen in ihrer Dummheit, Hybris und Grausamkeit sie haben leiden lassen. Vielleicht ist alles auch nur ein glücklicher, trauriger Zufall. Tauben: Gottes vergessene, gehaßte, ermordete Kinder. Wir Menschen sind Meister des Brudermords.

Montag: strähniger Nieselregen, als ich zur Klinik hinübergehe, die Taube im geschlossenen Korb. Wenige Meter trennen mich noch von der Türe, da blinzelt plötzlich die Sonne durch schwere Wolken. Ich bleibe stehen, öffne den Korb, und wieder ist mir ganz sonderbar zumute. Die Taube blickt in den Himmel empor. Letzter Gruß des alten Lebens, oder erster eines neuen?

Noch zwei andere Tauben sind heute in der Klinik eingeliefert worden: eine Stadttaube mit zerschmettertem Flügel und eine junge Brieftaube, deren Becken unter einem Hunde- oder Katzenbiß gesplittert ist. Mein Schützling wird seinen letzten Weg nicht allein gehen. Ich halte sie, eine nach der anderen, während der Tierarzt das Narkotikum injiziert, und dann warten wir darauf, daß sie einschlafen. Sie sterben so voller Würde, denke ich unwillkürlich. Jede von ihnen. Keine wehrt sich, flattert oder tobt. Ruhig liegen sie in meinen Händen, mit erhobenem Kopf. Sehen mir hin und wieder gerade in die Augen. Doch es ist nicht, als fragten sie: "Was tust du mit uns?", - nein. Es ist, als wüßten sie es.

Das Narkotikum beginnt zu wirken, die Köpfchen sinken zur Seite. Nur bei der jungen Brieftaube dauert es lange, sehr lange. Ungläubig schüttelt der Tierarzt den Kopf. Wir müssen zweimal nachdosieren, bis auch sie endlich einschläft. Wie gern, wie gern sie leben wollte... Die tötende Spritze spürt keine von ihnen mehr. Ihre rasenden Herzen verlöschen in meiner Hand.

Drei Steine mehr auf meinem, das weiterschlagen muß.

© Christiane Haupt, Tierärztin Deutsche Gesellschaft für Mauersegler e.V. www.mauersegler.com

Anmerkung: lt. Auskunft der Autorin wurde die Taube in der Hanauer Fussgängerzone aufgefunden.





 

 

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